Tantra, Yoni & Lingam

Tantra: Ursprung und Philosophie

Über den Ursprung und die Bedeutung von Tantra gehen die Meinungen auseinander. Unserer Auffassung nach liegen die Ursprünge mehrere tausend Jahre zurück und sind mit einer respektvolleren Auffassung über die Rolle der Frau als Quelle und Behüterin des Lebens verknüpft. Gedankengut, das sich im Tantra findet, ist auch in den meisten spirituellen und schamanischen Praktiken alter Naturvölker verwurzelt. Die ersten Aufzeichnungen dieses ursprünglichen indischen Heilweges stammen aus dem 5./6. Jahrhunderts und beinhalten Unterweisungen, magische Rituale, Zauberformeln und alchemistische Rezepte. Eine der Quellen erzählt vom Kult um Shiva und Shakti, demzufolge aus deren ekstatischer Vereinigung das Universum jeden Moment neu hervorgeht. Im Westen hat es wohl deshalb verhältnismäßig starke Verbreitung gefunden, weil es an ein Grundbedürfnis unserer materiell gesättigten Zeit rührt; die Synthese von Bewusstheit, Natürlichkeit und Sexualität.

Der Weg des Tantra beinhaltet Respekt für alles Lebendige, Bejahung der sexuellen Natur des Menschen und Bewusstheit in jedem Augenblick. Ein Aspekt lehrt, die Sinne zu kultivieren bis zur Fähigkeit, die ganze Bandbreite von Sinnlichkeit und Sexualität zu erkennen und zu nutzen. Triebkräfte und Begierden können nicht gemeistert werden, indem man sie ablehnt oder vermeidet. Nur wenn die vermeintlichen Schattenseiten in all ihrer Tiefe erfahren und erkannt worden sind, können sie transzendiert werden.

»Fügt man der Wurzel »tan« (ausbreiten, erweitern) das Suffix »tra« (welches das Instrumentelle ausdrückt) hinzu, dann erhält man »tantra«, im wörtlichen Sinn also das Instrument zur Erweiterung des Bewusstseins, um Zugang zum Überbewussten zu erlangen, das die Grundlage des Seins und Zentrum unbekannter Kräfte ist, die das Tantra erwecken und einsetzen will.« ( André van Lysebeth in »Tantra für Menschen von heute«, 1990)

Das tantrische Konzept lehrt uns, Spaltungen zu überwinden (z.B. »die Heilige - die Hure«), indem wir alle Facetten des Menschseins als Teil des göttlichen Ganzen anerkennen. Tantramassage ist also eine sinnliche Massage, die sich diesen Ideen verpflichtet fühlt. Wir stimmen uns auf diese Massage ein und versuchen, jeden unserer Gäste vorbehaltlos und wertungsfrei zu akzeptieren.

Sexualität ist also im tantrischen Verständnis etwas Heiliges und Natürliches zugleich. Kaum eine andere Kraft im Leben schafft solch starke Verbindungen - im ungünstigen Fall aber auch Abhängigkeiten. Deshalb legen wir wert darauf, diesem tiefen Erleben einen rituellen Rahmen zu geben, der den Augenblick feiert und ihm eine eigenständige Würde verleiht.

Neotantra

Ende der sechziger Jahre wuchs zunehmend das Bedürfnis, Tabus (z.B. in Bezug auf Sexualität) zu hinterfragen. Zum anderen stellte sich in den westlichen Zivilisationen mit Erreichen eines materiellen Wohlstands die Sinnfrage neu. Die Wiederbelebung alter Lehren und spiritueller Wege (z.B. Tantrismus und Taoismus) bot eine Plattform, beides miteinander zu verbinden; Spiritualität und Sexualität - Herz und Kopf.

Mit dem Begriff Neotantra wird eine seit Ende der 1970er Jahre in Europa und den USA etablierte Richtung bezeichnet, die verschiedene Lehren und Methoden integriert, bei denen Sexualität eine mehr oder minder große Rolle spielt. So propagierte der indische Philosophieprofessor Osho (Bhagwan Shree Rajneesh) eine zeitgemäße Form dieser Verbindung von Bewusstheit und Sexualität und bereitete alte tantrische Lehren für die westliche Zivilisation auf. Hier fanden parallel dazu Ideen von Wilhelm Reich und weitere Körpertherapieformen wie Meditation und Yoga Verbreitung.

Seit den späten 70er Jahren und verstärkt auch in den 90er Jahren gründeten sich Tantrainstitute - als Initiator sei Andro (Andreas Rothe) erwähnt. Hier werden Seminare für persönliches und spirituelles Wachstum angeboten oder mit therapeutischer Ausrichtung, z.B. bei Partnerschaftskonflikten oder sexuellen Problemen.

Ebenso entstanden Massageinstitute, einerseits im Umfeld dieser Szene, andererseits mit eher kommerzieller Ausrichtung als Erotikmassagestudios, wobei die Massage der weiblichen bzw. männlichen Genitalien mit einbezogen wird. Weil der Zusammenhang zum traditionellen Tantra mit seinen zahlreichen Facetten oft nicht eindeutig ist, spricht man eher vom "Neotantra".

Yoni- und Lingammassage

Tantramassagen umfassen meist auch die Massage der Geschlechtsorgane. Wir verwenden dabei die Sanskritbegriffe "Yoni" und "Lingam", weil sie neutral und unbelastet sind und landläufige Begriffe entweder klinisch, vulgär oder verniedlichend klingen. In einigen östlichen Behandlungs- und Massagetechniken ist die Einbeziehung des Genitalbereiches üblich, aber mehr unter gesundheitlichen Aspekten. Viele wichtige Akupunktur- und Akupressurpunkte haben hier ihren Sitz und sind unverzichtbar für die Behandlung verschiedener Krankheitsbilder und für das Allgemeinbefinden des Patienten.

Joseph Kramer und Annie Sprinkle entwickelten daraus eigenständige Massageformen. Der in Amerika (St. Louis, Missouri) geborene Joe Kramer studierte Mathematik, Philosophie und Theologie und besuchte verschiedene Massageschulen. Er setzte sich für die Rechte von Homosexuellen ein und beschäftigte sich mit Taoismus und Tantra, besonders interessierten ihn auch Akupressur, Rebirthing und das Werk von Wilhelm Reich. 1984 gründete er in Oakland, Kalifornien, die Body Electric School für Massage und 1993 das EroSpirit Research Institute. Annie Sprinkle (eigentlich Ellen Steinberg, geboren 1954 in Philadelphia) ist eine in den USA bekannte Prostituierte, Fernsehmoderatorin, Herausgeberin und Künstlerin und eine Freundin von Joe Kramer. Sie gilt als eine der bekanntesten "Sexpositiv-Feministinnen", die innerhalb der Frauenbewegung die Auffassung vertreten, dass einvernehmlicher Sex zwischen Erwachsenen in keiner Form reglementiert werden sollte - was sowohl für Männer als auch für Frauen gilt. In Annie Sprinkles Yonimassage flossen außerdem auch Einflüsse aus Bioenergetik und Sexualtherapie mit ein.

Forscher fanden Mitte des vorigen Jahrhunderts heraus (siehe Wilhelm Reich u.a.), dass unverarbeitete Erfahrungen als Muskelspannungen im Körper gespeichert bleiben und uns hindern können, natürliche und schmerzfreie Körperhaltungen zu entwickeln, frei zu atmen und damit den Körper mit Sauerstoff zu versorgen, Gefühle bewusster wahrzunehmen - kurzum gesund zu bleiben. Kramer und Sprinkle kamen zu dem Schluss, dass auch das Gewebe der Genitalien Speicherplatz ist für Traumen und Verletzungen ist, so dass diese Massageform als "Genitale Heilungsmassage" bezeichnet wird. Desweiteren haben auch die Genitalbereiche des Mannes und der Frau Reflexzonen, ähnlich wie bei Füßen, Händen oder Ohren, deren Stimulierung über ein Netzwerk von Energiebahnen eine magisch anmutende »Fernwirkung« auf den gesamten Organismus zur Folge hat.

Ein weiterer Aspekt dient dazu, das Spektrum sexuellen Erlebens zu erweitern. Die Massage lockert die Beckenbodenmuskeln, was zu mehr Beweglichkeit beim Liebesspiel führt. Der Empfänger/die Empfängerin kann sich ganz dem Fühlen hingeben, ohne Leistungsdruck und ohne Erwartungen erfüllen zu müssen. Durch die kunstvolle Abfolge bestimmter Griffe und Streichungen, die beim Geschlechtsverkehr so nicht möglich sind, erfährt die/der Empfangende höchste Wonnen und eine tiefe Lust. Wenn jemand mit diesen Gefühlen angenommen wird, schafft das eine innige Verbindung zur eigenen Seele und auch zur gebenden Partnerin/zum Partner.

Östliche Schriften lehren, dass im Körper eine "Lebensenergie" (Chi, Prana, Orgon...) wohnt, die normalerweise in den unteren Chakren gebunden ist. Durch die Massage und lustvolle Stimulierung beginnt diese Energie zu zirkulieren und verteilt sich im Körper. Der Empfänger/die Empfängerin kann diesen Prozess durch tiefes Atmen unterstützen. Dabei sollte er/sie in seiner/ihrer Vorstellung die Energie vom hinteren "Lenkergefäss" (vom Damm über die Wirbelsäule über den Kopf zum Gaumen) zum vorderen "Dienergefäss" (vom Gaumen über Unterkiefer, Brust- und Bauchmitte zurück zum Damm) kreisen lassen. Wenn die Zunge dabei am Gaumen liegt, ist der "kleine Energiekreislauf" geschlossen. Durch die hohe Aufladung bei gleichzeitig tiefer Entspannung ist es mit ausreichender Übung möglich, einen Ganzkörperorgasmus zu erzielen und die Bandbreite sexueller Erlebnisfähigkeit zu erweitern.