Interview mit Johannes zur Yin-Yang-Massage

Hier dürfen ungelebte Gefühle endlich raus

Anfang 50, mittelgroß, schlank. Das sind die Eckdaten von Masseur Johannes. Doch welcher Mensch verbirgt sich dahinter und was hat es mit seiner Yin-Yang-Massage auf sich? Wir haben mit Johannes gesprochen.

Johannes, wie kamst du überhaupt zum Massieren?

Ich praktiziere Tantra seit 1987. Ich verstehe darunter übrigens eine spirtuelles Strömung, die nicht rein sexorientiert ist. In den traditoniellen Tantraarten ist es klassischerweise so, dass man eine Massagetechnik beherrschen sollte. Und ich war auf der Suche. 1994 hab ich Andro kennengelernt, den Tantra- und Massagelehrer aus Berlin, der die Ying-Yang-Massage erfunden hat. Seither sind wir gut befreundet. Zu unserem Kennenlernen habe ich eine Yin-Yang-Massage bekommen. Ich war damals Tänzer und wurde ständig massiert. Das waren aber medizinische Massagen. So etwas wie die Yin-Yang-Massage hatte ich vorher noch nie erlebt. Deshalb habe ich diese Massageform erlernt und bin seither auch sehr zufrieden mit dieser Wahl.

Was ist die Yin-Yang-Massage und was macht sie so besonders?

Nach Andro ist die Massage eine Zusammensetzung aus einer türkischen Massage, aus Shiatsu und Elementen, die man aus der Thaimassage oder aus dem Yoga kennt. Es ist eine Ganzkörpermasssage. Ich berühre jedes Körperteil, auch wenn es keine erotische Massage ist. Das Besondere dabei ist wohl, dass ich das Gefühl habe, Menschen haben am Ende wirklich etwas dazu bekommen. Ich glaube, dass ich durch die Yin-Yang Massage im Stande bin, dem Menschen etwas mehr über sich selbst zugänglich zu machen.

Was meinst du mit „dazu bekommen“?

Da muss ich etwas ausholen. Unser Körper ist nicht nur ein mechanisches Instrument, sondern gleichzeitig auch unser Gedächtnis. Dort werden größtenteils ungelebte Gefühle aufbewahrt. Die entstehen, wenn ich zum Beispiel wütend, traurig oder ängstlich bin und dieses Gefühl nicht auslebe. Stattdessen unterdrücke ich es, weil ich es mir nicht ein- oder zugestehe oder weil es die Situation nicht zulässt. Aus welchem Grund auch immer: Diese ungelebten Gefühle schlagen sich im Körper nieder, meist in Form von Spannungen. Wenn ich nun massiere und komme an diese Punkte heran, dann erlebt der Massagegast die Gefühle doch noch – nur zu einem späteren Zeitpunkt. Das kann sich gut oder schlecht anfühlen, aber es ist in jedem Fall etwas, was mit einem selbst zu tun hat. Es ist nichts, was von außen kommt. Das hört sich jetzt therapeutisch an, aber ich denke, dass Therapie deutlich tiefer geht. Es kam hin und wieder vor, dass Menschen mit der Erwartung kamen, ich könne ihr Problem einfach wegmassieren. Das funktioniert natürlich nicht. Die Massage ist eher ein Motivationsschub, um sich auf sich selbst einzulassen.

Für wen ist die Massage besonders interessant?

Häufig kommen Menschen in Übergangssituationen. Ich habe auch Leute, die fünf, sechs Mal in einem halben Jahr zu mir kommen und die Massage einfach nur genießen. Es sind größtenteils Frauen, die mich ansprechen. Für mich spielt es überhaupt keine Rolle, ob ich eine Frau oder einen Mann massiere, aber es hat sich einfach so ergeben. Ich nehme an, weil Männer dann doch eher eine erotische Massage möchten. Vielleicht können sich Frauen auch besser öffnen bei der doch emotionalen Herangehensweise der Yin-Yang-Massage.

Was magst du am Massieren?

Gerade bei der Yin-Yang-Massage, aber auch bei vielen anderen Massagearten ist die Situation ja folgende: Es kommt jemand herein, man ist sich total unbekannt. Dann massierst du 90 Minuten und hast danach das Gefühl, du weißt alles über diesen Menschen. Das finde ich einzigartig. Es ist ein Gespräch zwischen meinen Händen und dem Körper der Person. Wir unterscheiden in der westlichen Kultur immer zwischen Körper, Gefühl und Verstand. Ich gehe allerdings davon aus, dass es diesen Unterschied gar nicht gibt. Gefühle sind biochemische Vorgänge im Körper und auch das Gehirn ist ein körperliches Organ. Ich glaube, dass ich über die Massage, über den Körper, die Muskulatur, die Gelenke, die Atmung und die ganzen Dinge, die dabei eine Rolle spielen, einen direkten Kontakt mit dem ganzen Menschen bekomme. Das mag ich besonders.

Woran denkst du eigentlich, wenn du jemanden massierst?

(Lacht) Eine lustige Frage! Ich konzentriere mich auf das, was vor mir liegt. Ich empfinde ein großen Vertrauen, was mir entgegengebracht wird. Der Massagegast vertraut sich mir an. Dieses Vertrauen muss ich auch während der Massage bedienen. Ich habe ein großes Repertoire an Dingen, die ich einsetzen kann, aber nicht muss. Nicht alle Menschen, die zu mir kommen, erhalten exakt diesselbe Massage. Ich habe verschiedene Fahrpläne und es hängt sehr stark davon ab, in welchem Zustand sich der Massagegast befindet.

Was meinst du mit „Zustand“?

Es gab Menschen, die geweint haben, klar. Weil ich bestimmte Punkte gelöst habe, Erinnerungen hochgekommen sind oder auch, weil es so schön war. Für jemanden, der schon seit Jahren nicht mehr richtig berührt worden ist, ist das natürlich etwas sehr Besonderes. Es gibt außerdem Menschen, die können sich einer Dehnung eher hingeben, weil sie zum Beispiel schon Erfahrung mit Yoga haben. Und dann gibt es Leute, die sind eher hart und haben sehr schnell Schmerzen. Das ist wirklich ganz individuell.

Mit welchen Gedanken geht man nach der Yin Yang-Massage nach Hause?

„Ich war erstmal skeptisch und wusste nicht so recht, was mich erwartet, aber ab dem Moment, wo es angefangen hat und ich mich hingeben konnte, war es wirklich toll." Das bekomme ich fast immer zu hören. Die Menschen sind danach auf alle Fälle gelöster und in besserem Einklang, harmonischer mit sich selbst.

Vielen Dank für das schöne Gespräch, Johannes.